Die Mundart des solothurnischen Gäu

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Blick von der Dünnernebene bei Wangen in Richtung Jura, 1913 – Gemälde des in Wangen geborenen Malers Paul Schürch (1886-1939)

Aus einer Ansprache des Solothurner Regierungsrats Dr. Remo Ankli anlässlich der Schulkreistagung Gäu vom 24. März 2016:
…In einer „Gäuer Anektote“ schreibt Elisabeth Pfluger noch vom Gäu als dem „gfreutischte Ort uf der wyten Ärde, …mit Matten und Wälder, mit allne Sorte vo Wild, Bäch (…) und Haselstude, es isch es Luege gsi, schöner nüzti nüüt“.

….wenn ich soeben schon bei Elisabeth Pfluger als Hüterin der Solothurner Mundarten gelandet bin: bei einem Blick ins Wörterbuch von Markus Husy entdeckt man Wörter wie „aarig“ (seltsam), „choldere“ (murren), „deupele“ (grollen), „düderle“ (schmeicheln), „häb chläb“ (halbwegs) und „pleestig“ (widerspenstig). Hand aufs Herz: Wer versteht diese Wörter in ihrer Bedeutung noch, vom Gebrauch wollen wir gar nicht erst reden. Wir stellen fest: Die Landschaft wandelt sich, die Sprache wandelt sich – und natürlich: die Schule wandelt sich auch!


Die Besonderheiten der Gäuer Mundart
(Quelle: Notizen von Elisabeth Pfluger)

d Gäuer tüei der Rauft vom Brot ässe, die Gschwöute und
d Frücht schinge, d Bohne höutsche, d Härdöpfel und d Öpfel schääre,
und nochedee s Öpfelgürpsi de Söi gee.

Die käferige Gäuer Burschte si watz gsi uf die bueberige Meitschene und hei ne
öppis Schlipferigs vordüderled. Die tolle, gattlige Jümpferli si aber
nid schnitzig gsi, hei nid wöue daudle, schmützele und karisiere.
Drum hei si dene Chöuter Abchabis gee statt eme Ziggi.

Hauptmerkmal des Gäuerdialekts sind die vielen Dehnungen mit geschlossenem oo und ee mit Verdumpfung von a zu o und von ä zu e (auch in anderen Regionen des Kantons, nicht aber in Wangen und Olten) 
i goo, Saloot, spoot, Sprooch, joo, Schloof, esoo (aber gueten Oobe nur im oberen Berggäu)
Meendig, Scheeri, Chees, Streel, nee, gee, Eermel, Gfrees, zeech, i weer, Chreemer, jeerig

typisch ist auch die Dehnung in offener Silbe (auch in anderen Regionen des Kantons, ohne Wangen und Region Olten)
Fääli, Naase, lääse, Grööggel, nöötlig, bäägge, dääne, Chaare, Stääge, Chröömli

Wie im Kanton Bern, wird auch im westlichen Teil des Kantons Solothurn (ohne Stadt Solothurn), durch die sogenannte Velarisierung,  die Lautfolge -nd zu -ng gemacht. So auch im Gäu, mit Ausnahme von Wangen, das auch hier sprachlich mehr der Amtei Olten-Gösgen zugewandt ist.

Ching, Wang, Häng, unge, hinge
(nur d Wangner säge: Chind, Wand, Händ)

Wörter endend mit et werden mit schwachem d ausgesprochen
es hed, gschprigled, gschnigled, gwagled, verschmusled, verstuuned, es tschudered mi

charakeristisch ist auch die Lenisierung des Anlauts t
Dolgge, Drucke, Duube, Ditti, Dolder, Däller

l, el oder doppeltes l am Ende einer Silbe sowie l vor einem Konsonanten wird vokalisiert und als geschlossenes u ausgesprochen, wobei dann ein vorangehender Vokal e oder i zu ö verdumpft wird (aber erst seit anfangs des 20. Jahrhundert durch den Einfluss der Bernermundart. Egerkingen hat der Vokalisierung des l bis heute widerstanden)
l oder ll am Wort- oder Silbenende: Chittu (statt Chittel), chüeu (statt chüel), Härdöpfu (statt Hardöpfel), Esu (statt Esel), Pämsu (statt Pämsel), egau (statt egal), Staugruch (statt Stallgruch), im Fau (statt im Fall)
l vor einem Konsonanten: Houder (statt Holder), choudere (statt choldere), Haude (statt Halde), Faute (statt Falte)
Verdumpfung bei vorangehendem e und i  zu ö: Möuch (statt Milch), Chöuti (statt Chelti), Pöuz (statt Pilz), Chöue (statt Chelle), Göue (statt Gelle), vöu (statt vill), Gschwöuti (statt Gschwellti), öuf (statt elf)

bei än vor s wird der n vokalisiert  
Fäister (statt Fänster), Gspäist (statt Gspänst), Häist (statt Hängst), Gäis (statt Gäns, Einzahl: e Gaus)

bei eh am Wortende wird der h vokalisiert 
Müei (statt Müeh), Ruei (statt Rueh), Früei (statt Früeh)

nd am Wortende bei Verben (1. Person Singular und 1. Person Plural) wird auch mit i vokalisiert 
mir göi (statt mir göhnd), mir tüei (statt mir tüend), mir stöi (statt mir stöhnd), mir föi (statt mir fönd), mir löi (statt mir lönd)

bei manchen  Wörtern wird nach einem Vokal ein r eingeschoben
Gorn, Tern, erbchyme, kartolisch, derheime, Ägertsche
erbhange, ertschlofe, ungerinn, Chrugele

einige Wörter werden mit einem doppelten ss gesprochen
rassiere, Ampeisse, Mussig (jedoch nich „Soosse“ wie in Solothurn, sondern „Soose“)

Beispiele mit spitzem é vor i
féister, es schnéieled, e Wéier, chéisterig, Zéis, Bléi, fréi, Bréi, dréi, e Wéi
aber: hei, nei, mir wei, heiser, e Reiher, oheie, Stei, Kreis, es Meieli

eu wird oft als geschlossenes öi gesprochen
öisi föif nöie Söi göisse, zöiserle, chöie, döistig
aber: Leu, Heu, Freud, Gäu, chneule, teuf

Wörter mit au, die mit geschlossenem ou gesprochen werden
boue, troue, Sou, verboustig, Choust,

Wörter mit au, die mit offenem ou gesprochen werden
loufe, Frou, Strou, rouke, choufe, Ouge, Bouele,
aber: blau, grau, schlau

o statt a bei gewissen Wörtern (diese Eigentümlichkeit der Mundart des oberen Baselbiets wurde bis anfangs 20. Jahrhunderts im Gäu, inkl. Wangen noch gesprochen)
e cholte Tag (statt e chalte Tag)
en olte Ma (statt en alte Maa)
der Pobst (statt der Papst)

ie statt üe (nur in Kestenholz und Oensingen, wie im Thal)
Biebli, Riebli, Biechli, Tiechli, Fiess, Gmies, grien, gmietlig

öu statt au (nur in Egerkingen, Neuendorf, Kestenholz)
blöu, gröu, Öuto

Konditional
„deed“ statt „wurd“
Anstelle des in anderen Mundarten und der deutschen Sprache verwendeten Konjunktivs „wurd“, wird in der Gäuer Mundart vielmehr „deed“ angewendet: i deed das angerst mache, i deed säge, mir deede lieber blybe. Allerdings ist dies bereits eine Verfälschung der ursprünglichen Mundart mit direkter Verwendung guter Konjunktive:

Verben im Konditional:

i fieng aa, mir fienge aa i fieng aa anfangen
i hörti, mir hörte i hörti uuf aufhören
i blub, mir blube i blub gärn no chly doo bleiben
i fier, mir deede fahre i fier besser oni fahren
i fungti, mir fungte so as me d Stell chum me fungti finden
mer gfiel mer gfiel dä Name gefallen
i gieng, oder I geng, mir gienge mir gienge gschyder hei gehen
i glaubti, mir glaubte mir glaubte dene nüüt glauben
i hätt, mir häde hätte mer doch, was hädi de selle mache? haben
i hulf, mir hulfe i hulf gärn helfen
i gumpti, mir deede gumpe i gumpti obenabe hüpfen
i chüff, mir chüffe i chüff das nid kaufen
i chiem/i cheem, mir chieme i chiem zrugg kommen
i liess, mir liesse i liess lugg lassen
i lüff, mir lüffe i lüff dervo wie s Bysewätter laufen
i meech/miech, mir meeche was meechi ohni euch, I miech das au machen
i meinti, mir meinte i meinti mir hei öppe gnue meinen
i nohm, wir nohme i nohm lieber zwöi nehmen
i seiti, mit seite, mir deede säge i seiti so öppis nid sagen
i treiti, mir treite i treiti am liebste nüüt me hei tragen
i schlüff, mir schlüffe i schlüff dure Haag schlüpfen
i weer, mir weere mir weere froh, weere mer doch au sein
i sett, mir sede i sett is Dorf go poste sollen
i stieng, mir stienge i stieng häre stehen
i treiti, mir treite i treiti am liebschte nüüt tragen
i wurd, mir wurde i wurd tuubetänzig, i wurd stifelisinnig werden
i wed, mir wede i wed nid go luege wollen
i deed, mir deede i deed jetz uufstoh würde

Weitere Eigenheit: die Verwendung des Personalpronomens „es“ als Platzhalter des Subjekts

es hed mer traumt nicht: i ha traumt
es frürt mi nicht: i früüre oder mi früürts
es reut mi nicht: i bereue oder i bereues
es duured mi nicht: i beduure
es lächered mi nicht: i mues lache
es schämt mi aa nicht: i schäme mi
es glusted mi nicht: i ha Lust
es wungered mi nicht: i wundere mi

Eigenheiten der Wangner Mundart
Noch näher als mit der Gäuermundart, ist die Wangnermundart mit der Sprache in Trimbach und Hauenstein-Ifenthal verwandt. In diesen drei Dörfern wird die Mundart fast genau gleich wie in Wangen gesprochen. Wie schon erwähnt, sagen die Wangner: Chind, Händ und Hund, nicht wie die Gäuer: Ching, Häng und Hung. Ebenso, im Gegensatz zu anderen Dörfern im Berggäu, spricht man in Wangen Vokale nicht doppelt, z.B. Vögeli (statt Vöögeli), Brosi (statt Broosi), manis nid (statt maanis nid), jo (statt joo). In der Wangner Mundart wurde früher auch vielfach das G in Wörtern wie J ausgesprochen, z.B. Jipser, statt Gipser, Jänf, statt Gänf. Im Wangner Dütsch wurde beim Wort Zwetschgen das Z ausgelassen, also Wetschgen und Wetschgenwasser. Zum Wangner Sprachschatz gehören auch Ausdrücke wie Ebigkeit für Ewigkeit, Hungg für Honig, Wase für Rasen und jäse für gären (Quelle: Gibt es eine Wangner Mundart? Oltner Tagblatt vom 16.10.1963, Gotthard Steinmann)

Richtungshinweise (am Beispiel von Wangen aus)

is Dorf vüre nach vorne (von zuhause aus ins Dorf)
uf Chappu dure nach drüben (auf die andere Seite des Gäus)
uf Chlywangen übere hinüber (über die Dünnern)
ufe Rumpel ue hinauf (den Berg hinauf)
uf Aarau abe hinab (der Dünnern und Aare folgend abwärts)
z Aarbig ääne drüben (über dem Born)
z Wälscherohr hinge hinten (durch die Klus im Thal hinten)
z Olten nide unten (dem Lauf der Dünnern folgend hinunter)
z Züri usse draussen (aus dem Gäu hinaus)

Einige gefährdete oder ausgestorbene Wörter, die nur oder vor allem im Gäu verwendet werden/wurden

abläschele durch List ablocken, abschmeicheln, abschwatzen
arig seltsam, sonderbar, merkwürdig
bibäppele verzärteln
Biecht Rauhreif (nur im Gäu mit dieser Bedeutung)
Brambeli Brombeeren (ausgestorbenes Wort, nur im Gäu)
cheisterig heiser
choldere lärmend murren
chreeple unsorgfältig schreiben (nur im Gäu)
Chröömli süsses Kleinbebäck (nur im Gäu)
chydig chalt bitter kalt
deupele (däubele) zürnen, grollen, ärgerlich sein
döistig schwül, feuchtwarm (nur Gäu)
eisder immer
pflänne weinen, heulen, plärren, wehklagen (nur im Gäu)
Fürtech Schürze
glüüssle heimlich gucken, spähen (ausgestorben, nur im Gäu)
Gnäätsch Gezänk, Gerede, Geplauder
greebelig grossmächtig (in dieser Bedeutung nur im Gäu)
Ürbsi Apfelkerngehäuse
Hanselmaa Grittibänz (Bedeutung nur im Gäu)
i de häle Sätze, vom hääle Himmel in grossen Sätzen, vom hellen Himmel
Hömmli Hemd
lodööd schau dort, Schimpfwort für Gäuer (nur im Gäu, in Solothurn: lueg dööd)
Meie Blumen
Miesch Moos
Müssi Schadstelle, Körperbeschädigung
mutz kurz, karg, knapp, klein
popperig dick, unförmlich
sätteli sachte, langsam (ausgestorbenes Wort)
Schütti Guss, Regenguss, Platzregen
süüferli sorgfältig, sorgsam
Täfeli Bonbon aus Zucker (nur Gäu)
Tütschi Holzklotz, grobes Holzscheit, Sägeblock
verminggmänggele etwas unklar machen, verwischen, vertuschen
wägemine meinetwegen, von mir aus
Weiefäcke Löwenzahn (fast nur Kt. Solothurn)
zipfe auf dem Eis oder Boden gleiten

Viele Wörter im Gäu sind aus dem französischen abgeleitet, zu erklären aufgrund der Nähe zu Frankreich und dessen speziellen Beziehung zu Solothurn. Hier ein paar Beispiele:

alabönör einverstanden (à la bonne heure)
apartig, nüüt apartigs etwas Besonderes, nichts Besonderes (à part)
Buete flache Dose (boìte)
dussmang sachte (doucement)
Gellöretli Taschenuhr (quel heure est-il)
der Gommang haa gutes Benehmen haben (comment)
Puntenööri Ehrgefühl (point d’honneur)
Mamsell Dienstmädchen (Mademoiselle)
Muntere Schaufenster, Vitrine (franz. montrer)
Paraplü Regenschirm (parapluie)
Parliwu ein Welscher, Franzose
Potschamber Nachttopf (pot-de-chambre)
ranschiert ordentlich, tüchtig (ranger)
Sebiäng, Seebis, Hauptseebis Anführer (c’est bien)
Sermon langatmiges Gerede, Strafpredigt (sermon)

Viele Wörter werden in Solothurn anders als im Gäu gesprochen oder sie sind sogar völlig verschieden. Einige Beispiele: 

im Gäu seit me d Soledurn seit me
bi öis bi üüs
Brugg Brügg
Chetti Chötti
chlädere chlättere
Chriesi Chirsi
Chrömli Bummi
Doche Docht
eisder immer, gäng
es frürt mi i früüre
es goht es geit
es reut mi i bereues
öisi Ching, öises Huus üsi Chind, üses Huus
Fachele Fackle
föif füf
Frösch Frosch
gee, neh gää, näh
geech, stotzig steil
Grien Chees
gsplosse bschlosse
Gürpsi, Ürbsi Gigetschi
heuchle hüüchle
Imbeli Bynli, Beieli
Junti Unterrock
köört ghört
lodööd lueg dööd
mache machche
Meeri Märli
midnanger mitenand
mir sede mir sötte
Mussig Musig
nuefer munter
öppis reiche öppis hole
rouke rouche
Ryswälle Wedele
Scheeri Schäri
döistig düppig
Fäister Fänster
Soose Soosse
Spinn Spinne
Strou Stroh
Suppechnuchle Suppeschüssle
teuf tièf
verstoosch versteisch
Wäie Chueche
Wulche Wulke
Ziberli Mirabelle
zipfe ziberle

Öises guete Gäuerdütsch das wei mir bhaute
tusches nid a Bahnhofbüffee-Mix vo Oute!